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Pit Mischke - Strom-Gitarre


Fotograf: Rudi Berr

Wie ich zum Beat kam:

Ja, ich bin ein Beatnik der ersten Stunde!

Durch die dünne Decke unserer Gelsenkirchener Neubauwohnung tönte dumpf aber verstehbar „I want to hold your hand“ von einer mir noch völlig unbekannten Gruppe. Der Nachbarjunge über uns hatte sich die Single besorgt und dudelte sie mit Begeisterung rauf und runter. Was für ein fetziger Rhythmus, was für ein toller Gesang – ich war völlig hin und weg.

Wir haben 1963. Im deutschen Radio läuft diese neuartige Musik noch nicht. Höhepunkt des peinlichen Freizeitprogramms ist es – eingeklemmt zwischen den Eltern auf dem Sofa – „Musik aus Studio B“ mit ollen deutschen Schlager und dem unvergleichlichen „Mr. Pumpernickel“ Chris Howland zu gucken. Das Fernsehballett mit seinen bildschönen und langbeinigen Tänzerinnen hatte es mir allerdings angetan (ich gestehe!). Und dann plötzlich der „Beat“ aus England – was für eine Sensation! Die ersten Odeon-Singles tauchten auf. Auf einem billigen Plastikplattenspieler hörten wir stundenlang „Please, please me“, „Misery“ (immer noch eins meiner Lieblingsstücke der Beatles), natürlich das legendäre „Love me do“ und kauften uns bunte Fanpostkarten die es auf einmal überall gab. Mann, sahen die vier Jungs in ihren grauen Anzügen klasse aus!

Mit einem mühsam zusammengesparten, transportablen Tonbandgerät (mit dem wir an Straßenecken gemeinsam Beat hören konnte) nahm ich alle Songs auf die ich ergattern konnte. Erst stark verrauscht von Radio Luxemburg (nachts war es etwas besser), dann – wir befanden uns ja in der britischen Zone – über BFBS in guter Qualität jeden Samstag eine ganze Stunde (!) vom „Saturday-Club“. Im deutschen Radio immer noch „tote Hose“. Regelmäßig gingen wir nervös und verpickelt zum Jugendtanz, hörten uns die Lokalmatadoren „Kingbees“ an, stahlen mit Ohren und Augen. Eine der bekanntesten deutschen Beat-Bands wurden die Gelsenkirchener „German Blue Flames“, die ich leider nie live erlebt habe. Dafür kamen aber andere Heroes ins Hans-Sachs-Haus, unser Rathaus und unsere größte Konzerthalle: The Kinks – als Vorgruppen Tony Sheridan und Casey Jones & the Govenors. Mein Hintern ist heute noch feucht von den Plastiksesseln und vor Aufregung!

Ich hatte Glück: Seit meinem 11. Lebensjahr versuchte ich in einem Jugendzentrum in Wanne-Eickel klassische Gitarre zu erlernen. Da unser pfiffiger Gitarrenlehrer uns regelmäßig auf div. Bühnen schickte, hatte ich eine leise Ahnung wie schön es ist Zuhörer mit Musik zu erfreuen. Eine eigene Band musste also gegründet werden. Nur – was spielen die Beatles denn da? Bekomme ich das überhaupt hin? Akkorde hatten wir noch nicht gelernt, nur Etüden von Carcassi, Mozart-Stückchen und simple Volksliedchen dreistimmig gezupft. Doch – das klingt wie der Anfangsakkord vom geliebten „Misery“, der, wie der bei „Love me do“. Prima! Wie diese Akkorde heißen? Keinen blassen Schimmer. Notenhefte mit „unserer“ Beatmusik tauchten erst später auf und waren immer ziemlich teuer. Aber Akkord-Hefte gab es zu kaufen: „700 Griffe für die Schlaggitarre“ oder „1200 Barré-Griffe“ vom Musikverlag Hans Sikorski Hamburg (die Hefte benutze ich heute noch) für stolze 4.50 DM. Was für ein Glück. Aber 700 Griffe oder sogar 1200? Ach du Schreck, wer soll sich die alle merken? Welche braucht man für Beat-Musik? Möglicherweise alle?

Mit zwei Schulkollegen gründeten wir dann Anfang 1964 endlich eine Beat-Band mit Gitarre(n), Bass und Schlagzeug. Noch auf den Konzertgitarren wird geübt und auch gespielt. Die Who hatten es uns inzwischen schwer angetan. „I can’t explain“ und das ultraheftige „Anyway, anywhow, anywhere“ kommen ins Programm, dann natürlich Stones-Titel wie „It’s all over now“, „Empty heart“ und Eric Burdon’s „We gotta get out of this place“ . Einer unserer großen Favoriten war „When I was young“. Das war unsere Musik! Ganz schnell musste ein Bandname gefunden werden. Die „Beethovens“ gab es bereits in England, die „Mozarts“ in Deutschland. Da ich im Unterricht gerne Haydn-Stücke spielte nannten wir uns ganz genial und durch das y fast Englisch “The Haydns”. Mutter nähte uns bunte Rüschenhemden, mein musikbegeisterter Vater besorge mit seinem kleinen VW-Käfer in Bochum ein Schlagzeug (das passte gerade so ins Auto) und los ging es. Konzerte im Partykeller des Gymnasiums, heiße Nächte im CVJM-Heim und natürlich Teilnahme bei Beat-Festivals. Oft waren wir mit unseren 13einhalb (!) die jüngste Band. Langsam wurden wir in Gelsenkirchen bekannt und bekamen von der Kirche einen eigenen Raum in den wir ungestört unsere inzwischen zahlreichen Fans für 1 DM Eintritt zu aufregenden Beat-Parties einladen konnten. (Einen nachträglichen Dank an alle toleranten Menschen des Ruhrgebiets!)

Langsam mussten E-Gitarren her. Ich hatte das nötige Geld für eine weiße Höfner-Solid-Body für fast unerschwingliche 640 DM (incl. Koffer) zusammen. Verstärkt wurde mit alten Löwe-Opta-Radios – die mit dem magischen grünen Auge. Merkwürdigerweise gab es einen Adapter mit dem wir die Gitarren einstöpseln konnten. Laut genug waren diese großen, schweren Kästen und manchmal wurden die dunklen Räume in denen wir rockten nur durch die gelben Skalen, das magische grüne Auge und die Zigarrettenglut der Tänzer erhellt. Irre cool das Alles und es war nicht ungewöhnlich das wir 10x am Abend das gerade erschienene „The last time“ spielen mussten. Noch beliebter wurde später dann „Paint it black“ – bis die Finger qualmten (und die Radios ihren Geist aufgaben). Auf Raten besorgten wir uns gemeinsam einen (!) Verstärker, einen „Wham“ der so schwer war, dass wir ihn nur zu zweit schleppen konnten. Noch sang ich die meisten Stücke bis endlich ein Keyboarder in die Band kam. Der machte es besser und wir wagten uns an Procol Harum’s „A whiter shade of pale“ und Songs der BeeGees und Hollies. Musikalisch wurden wir immer besser, in der Schule natürlich immer schlechter…

Aber so ging es fast allen, die von der „Beatlemania“ erwischt wurden!

(spielte bei Jacky and his Strangers)

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